Feindbild Flüchtling & Verbrecherischer Egoismus (2 Artikel) // Afghanistan - Angriff auf Unschuldige // Lea berichtet vom Rettungsschiff - BLOGBUCH #10:DANKBAR


Feindbild Flüchtling

Deutsche Fregatte verstärkt EU-Einsatz gegen Migranten. Libysche Küstenwache transportiert Hunderte Menschen zurück in zerrüttetes Land



Mission gegen Menschenleben: 
Die Flüchtlingspolitik der EU treibt Schutzsuchende vor sich her (17.6.2017)

Foto: Stefano Rellandini/ Reuters


Mit Pauken und Trompeten sollte am Montag abend das Kriegsschiff »Mecklenburg-Vorpommern« in Wilhelmshaven ablegen. Fast ein halbes Jahr lang werden die Matrosen an Bord ihrem »Kernauftrag« nachgehen: der »Bekämpfung der Schleusernetzwerke«, so Fregattenkapitän Christian Schultze in einer Pressemitteilung.

Neben den Angehörigen der Besatzung war auch der Innenminister Mecklenburg-Vorpommerns, Lorenz Caffier (CDU), für einen Besuch angekündigt, um feierlich der Crew seine Landesflagge zu überreichen.

Stolz muss Caffier sein, dass nun ein Kriegsschiff mit dem Namen seines Landes Teil einer so monströsen EU-Operation ist: Unter dem Codenamen »Sophia« patrouillieren die Mitgliedsstaaten seit 2015 vor der libyschen Küste. Mit Flugzeugen, Hubschraubern und Schiffen werde den Schleppern die »Bewegungsfreiheit« genommen, heißt es auf der Internetseite der Bundeswehr. 

Neben jenem »Kernauftrag« gibt es aber noch eine »Unterstützeraufgabe«: die libysche Küstenwache auszubilden. Jene Truppe, die seit vergangenem Freitag insgesamt 1.124 Menschen zurück in das zerrüttete Land gebracht hat.

Laut der Genfer Flüchtlingskonvention darf kein Vertragsstaat einen Flüchtling in Gebiete zurückweisen, in denen sein Leben oder seine Freiheit bedroht werden. 

Libyen hat jenes Abkommen jedoch nie unterschrieben. Die UN selbst verlegten 2015 aufgrund der instabilen Lage ihr Büro von Tripolis nach Tunis. Nicht nur Organisationen wie »Human Rights Watch« sind überzeugt, dass die Menschen in Libyen berechtigten Grund zur Flucht haben. In einem Land, in dem die Bürger im Machtkampf zwischen dem nicht demokratisch gewählten Machthaber Fajes Al-Sarradsch, dem Warlord Khalifa Haftar sowie zahlreichen kriminellen Milizen zwischen die Fronten geraten sind, ist es alltäglich, dass die 42.028 im Juli registrierten Flüchtlinge unter menschenunwürdigen Bedingungen leben. 

>>>Folter und Missbrauch dominieren das Leben in den Camps, deutsche Diplomaten prangerten in einem Lagebericht vom Januar »KZ-ähnliche Zustände« an.<<< 

Trotzdem sei es »generell vernünftig«, die Menschen wieder in die Nähe ihrer Heimat zurückzubringen, meinte CSU-Spitzenkandidat Joachim Herrmann in einem Interview mit Deutschlandfunk vom Sonntag.

Joachim Herrmann (CSU), Innenminister v. Bayern 

2.397 Menschen sind 2017 laut UN-Flüchtlingswerk (UNHCR) bei der Flucht über das Mittelmeer bereits ertrunken. Ihre Zahl wird sich noch weiter erhöhen. Denn Rettungsorganisationen sind längst selbst zur Zielscheibe geworden. 

Am Wochenende stoppte die libysche Küstenwache ein Schiff der »Ärzte ohne Grenzen« mit 130 geretteten Flüchtlingen an Bord, vergangene Woche wurde die »Iuventa« der Organisation »Jugend rettet« beschlagnahmt. Die Retter sollen angeblich illegale Einwanderung »fördern«.

Zu der politischen Verfolgung kommen nun auch Neonazis hinzu, die Jagd auf die Seenotretter vor Libyen machen. Berichten zufolge hat am Samstag die »C-Star« unter Kommando der »Identitären Bewegung« das Rettungsschiff »Aquarius« der »Ärzte ohne Grenzen« für einige Zeit verfolgt, berichtete ein sich an Bord befindender Reporter der Nachrichtenagentur AFP. Eine Geste der Gewalt, die aber ganz im Sinne hochrangiger Politiker der EU sein dürfte. 

Bereits Mitte Juli hatte der deutsche Innenminister Thomas de Maizière Stimmung gemacht gegen die Retter, indem er – ohne Belege vorzuweisen – Hilfsorganisationen beschuldigte, mit »Schleppern« zusammenzuarbeiten.

Thomas de Maiziere (CDU), Innenminister 

Hier der Link zum Artikel der jungen Welt vom 08.08.2017 >>> 


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DAZU >>> 

Verbrecherischer Egoismus



EU-Staaten »ertüchtigen« Libyen zur Flüchtlingsabwehr, lehnen aber Verantwortung für Folgen ab



Im Fadenkreuz der Marine: 
Ein italienisches Kriegsschiff steuert im Mittelmeer auf ein Flüchtlingsboot zu (11.4.2016)

Foto: REUTERS/Marina Militare/Handout via Reuters


In Libyen nimmt der Widerstand gegen Italiens neue Militärmis­sion zu. Fathi Madschbri, einer der vier Stellvertreter von Regierungschef Fajes Sarradsch, verurteilte die geplanten Operationen italienischer Kriegsschiffe in libyschen Hoheitsgewässern als Verletzung der Souveränität seines Landes. Madschbri forderte eine Dringlichkeitssitzung des Kabinetts und rief die Vereinten Nationen, die Arabische Liga und die Afrikanische Union zum Eingreifen auf.  ... 

Hier der Link zum kompletten Artikel der jungen Welt vom 07.08.2017 >>> 
Angriff auf Unschuldige

Extremisten verüben im Norden Afghanistans ein Massaker. Mindestens fünfzig Menschen fallen den brutalen Attacken zum Opfer, darunter Frauen und Kinder.
Von Tobias Matern


Nach Angriff der Taliban - Getötete Kinder

Extremisten haben in der nordafghanischen Provinz Sar-i Pul nach Angaben der Regierung ein Massaker verübt. 

Laut afghanischem Verteidigungsministeriums starben dabei etwa 50 Zivilisten. "Wir haben wieder einmal viele unschuldige Menschen verloren", sagte ein hochrangiger Mitarbeiter des Kabuler Ministeriums der Süddeutschen Zeitung am Sonntag. 

Die bei der Attacke verübte Brutalität übersteige alle Vorstellungskraft, er sei "am Boden zerstört", sagte der Regierungsbeamte. 

Die Terroristen hätten sich lange Kämpfe mit den Sicherheitskräften geliefert, dann ein Dorf in der Provinz eingenommen und anschließend Zivilisten brutal ermordet. Einige Menschen seien demnach von Klippen gestoßen worden, andere hätten die Extremisten kaltblütig erschossen, wiederum andere seien geköpft worden, sagte der Regierungsvertreter. 

Unter den Opfern seien Frauen und Kinder gewesen, die Taten seien von "ausländischen Terroristen" verübt worden. 

In afghanischen Medien hieß es, die Taliban und die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) seien für das Massaker verantwortlich.
Die Taliban bestätigten in einer Erklärung die Einnahme des Dorfes, dementierten aber, für den Tod von Zivilisten verantwortlich zu sein.
In diesem Jahr hat die Gewalt gegen Zivilisten in Afghanistan deutlich zugenommen. In der ersten Jahreshälfte starben bei Gefechten zwischen Regierungstruppen und Extremisten nach Angaben der UN 1662 Zivilisten, 3581Menschen wurden verletzt. 

Das ist ein Höchststand seit dem Sturz der Taliban vor 16 Jahren. 

Die afghanische Regierung bemüht sich, die Extremisten zu Friedensgesprächen zu bewegen, doch von den Islamisten kommen derzeit keinerlei versöhnliche Signale. Zudem ist die afghanische Regierung durch interne Streitigkeiten blockiert, Präsident Ashraf Ghani hat Probleme mit seinem Regierungsgeschäftsführer Abdullah Abdullah und soll auch im Clinch mit einem seiner Stellvertreter liegen.

US-Präsident Donald Trump erwägt derzeit, ein paar tausend zusätzliche Soldaten nach Afghanistan zu schicken. Nach Angaben amerikanischer Medien hatte er kürzlich im Kreise einiger Minister und Vertrauter einen Wutausbruch, weil die USA den Krieg in Afghanistan nicht für sich entschieden. Tatsächlich haben die Taliban in Afghanistan ihre Macht ausgebaut, auch wenn sie nicht stark genug sind, die Regierung in Kabul zu stürzen.

Im nordafghanischen Kundus etwa, für das die Bundeswehr bis zum Abzug der Kampftruppen im Jahr 2013 zuständig war, seien die Taliban erneut bis an die Ränder der Provinzhauptstadt, berichtete Tolo News. Der Nachrichtensender zitierte einen Kommandeur der afghanischen Sicherheitskräfte, demnach seien zwar einige Operationen gegen die Taliban erfolgreich verlaufen, aber die Extremisten seien in Gebieten außerhalb der Stadt eine "Bedrohung" für die Bevölkerung.

Hier der Link zum kompletten Artikel der SZ vom 06.08.2017 >>>

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BLOGBUCH #10: DANKBAR


Seit zweieinhalb Jahren bin ich Teil von SOS MEDITERRANEE. Bevor es Unterstützer*innen gab, bevor die Rettungen stattfanden, bevor es überhaupt ein Boot gab. Als es alles noch eine Idee war, in der Hoffnung einen kleinen Teil beizutragen, die Tragödie die sich vor unserer Haustür abspielt, zu mindern.
Zweieinhalb Jahre später bin ich nun für meine erste Rotation an Bord der Aquarius.



 Das Lebensretterschiff SOS Mediterranee 

Lea ist Gründungsmitglied von SOS MEDITERRANEE.
Gerade ist sie an Bord und berichtet regelmäßig von ihren Erlebnissen.

"Ich bin in meiner Kabine und kann das Geräusch des Krans hören, der eine Leiche nach der anderen von dem kaputten Gummiboot an Bord der Aquarius hebt. Ich bin wütend und traurig, und gleichzeitig finde ich auch ein wenig Trost, da ich weiß, dass hier die Toten mit dem Respekt und der Würde behandelt werden, die jeder Mensch verdient."



Lea in Aktion 

Es ist unser erster voller Tag in der Rettungszone. Mein Tag begann mit meiner Wache von 8.30-10 Uhr, direkt nach dem morgendlichen Meeting. 

Kurz danach erhalten wir einen Anruf von der italienischen Seenotleitstelle – „bitte übernehmt 110+ Menschen von einem Handelsschiff.“ Geschätzte Ankunftszeit: fünf bis sechs Stunden. Als wir schließlich ankommen, hat sich schon ein anderes NGO Schiff bereit erklärt, die geretteten Personen an Bord zu nehmen, da sie nach einer bereits abgeschlossenen Rettung am Vormittag sowieso nach Italien zurückkehren werden. 

Unser Schnellboot hilft mit dem Transfer der geretteten Personen und einer ersten Übersicht der medizinischen Fälle.

Im Laufe des Tages sickern immer mehr Informationen zum restlichen Team an Bord der Aquarius durch. Acht Leichen wurden am Boden eines Gummibootes gefunden. 

Acht Menschenleben, die irgendwo auf internationalen Gewässern zwischen Libyen und Italien endeten; zwischen einem Ort der Angst und Gewalt und einem Ort der Hoffnung und Zukunft. Der Boden des Gummibootes war mit Holzplanken ausgelegt, damit die Menschen irgendwo Platz zum Stehen hatten. Irgendwo auf offener See brachen die Holzplanken unter dem Gewicht der mehr als 120 Menschen, die in das kleine Gummiboot gequetscht waren.

Es ist nun spät am Abend. Die Leichen werden an Bord der Aquarius gebracht. Aus Respekt werden alle Teammitglieder, die keine aktive Rolle in der Bergung der Leichen haben, gebeten, ins Innere des Schiffes zu begeben. Dies ist kein Schauspiel, es ist die Realität tausender von Menschen, die jeden Monat, jedes Jahr über das Mittelmeer fliehen.

Es ist die Realität der kleinen S., eine der Überlenden. Sie ist vielleicht maximal drei oder vier. Ihre Mutter überlebte die Überfahrt nicht. In diesem Moment bin ich dankbar, dass ich diejenigen, die heute ihr Leben verloren haben, nur einen kurzen Augenblick lang gesehen habe; dankbar, dass ich noch nie zwischen einem gewissen und einem möglichen Tod wählen musste; dankbar, dass meine Mutter sicher zu Hause in ihrem Bett liegt; dankbar für das Team der Aquarius, das die heutige Situation mit dem höchsten Grad an Professionalität und Würde bewältigt hat.

Ich bin nun wieder in meiner Kabine und kann das Geräusch des Krans hören, der eine Leiche nach der anderen von dem kaputten Gummiboot an Bord der Aquarius hebt. Ich bin wütend und ich bin traurig, und gleichzeitig finde ich auch ein wenig Trost, da ich weiß, dass wir gemeinsam, denjenigen, die heute ihr Leben verloren, gedenken werden und dass sie, auch wenn es nur für eine kurze Weile ist, mit dem Respekt und der Würde behandelt werden, die jeder Mensch verdient.
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Text: Lea Main-Klingst



Bemerkung von Horst Berndt >>> 
Ich habe beim Lesen des Artikels weinen müssen!

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Die Würde des Menschen ist unantastbar. Deutsches Grundgesetz. 

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